Mein Weihnachtsfest hier in Jerusalem war ganz anders als
sonst. Keine Familie, kein Schnee und keine Würstel mit Kartoffelsalat.
Am Vormittag des 24. begann beim Herrichten die heiße
Phase. Unser Hörsaal wurde kurzerhand zum Weihnachtszimmer umfunktioniert. Schon
zwei Tage zuvor haben ein paar Jungs einen „Baum“ organisiert – nun ja die Bezeichnung
Busch trifft es eher. Es handelte sich dabei um den riesigen Ast einer Kiefer,
der durch den Schnee vor einer Woche herunter gebrochen ist. Bäume gab es
dieses Jahr leider nicht zu kaufen, also haben wir improvisiert.
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| Unser "Baum" |
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| May-Britt und Tamara beim Schmücken |
Heilig Abend begann mit der feierlichen Vesper in der
Kirche. Anschließend gab es für uns Studenten und die angereisten Freunde und Familien
Rindersteaks mit Kartoffelgratin und danach selbstgemachte Plätzchen und Glühwein.
Unterm Baum haben wir gemeinsam ein paar Weihnachtslieder gesungen und Wichtelgeschenke
getauscht, bevor dann die Ersten zum evangelischen Gottesdienst in der
Erlöserkirche aufgebrochen sind. Die Christmette in der Dormitiokirche begann
erst um Mitternacht.
Als ich um halb zwölf zum Einsingen in die Kirche ging,
war das Kirchenschiff schon gut gefüllt. An Weihnachten kommen viele säkulare
Israelis in die christlichen Kirchen, um deutsche und englische
Weihnachtslieder zu hören. Sie füllten gestern nicht nur die Stühle sondern
saßen auch auf den Stufen oder am Boden. Langsam und nur mit Mühe konnten sich
die Ministranten und Priester, begleitet von unserem „Nun freut euch ihr
Christen“, einen Weg hindurch bis zum Altarraum bahnen. Wir, der Chor und viele
der gekommenen Christen saßen neben der Orgel auf der Empore. Unten im Kirchenschiff
war ungewohnt viel Bewegung. Immer wieder haben sich Leute umgesetzt oder sind
zwischendurch rausgegangen. Trotzdem war es eine feierliche Christmette.
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| Blick von der Empore |
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| Der Abt predigt |
Danach gab’s für alle Mitwanderer Tee, Kaffee und Pannetone
(der gar nicht so schlecht geschmeckt hat, wie Jan Weiler es beschrieben hat)
zur Stärkung immerhin ist es jetzt schon 1:39 Uhr. 40 Minuten später erklingt
in der Kirche „Transeamus usque Bethlehem“ (Wir gehen ohne Unterbrechung nach
Bethlehem), die Namensrolle wird gesegnet und dick eingepackt machten wir uns
auf den Weg. Es sind um die 100 Menschen mitgegangen.
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| Die Rolle der Namen vor dem Abmarsch |
Ganz viele weitere Bilder, die Predigt von Abt Gregory und ein Video (auf dem ich zu sehen bin) findet ihr übrigens auf der Facebook-Seite der Dormitio.
Seit inzwischen 10 Jahren braucht man für die Strecke von
Jerusalem nach Bethlehem einen Reisepass, denn man muss die Mauer zwischen
Israel und dem Westjordanland durchqueren. Die Nacht war klar, aber je weiter
wir aus der Stadt heraus und näher an den Checkpoint kamen, desto windiger
wurde es. Kurz nach 4 Uhr am Checkpoint. Es war seltsam, wie wir ohne Probleme
passieren konnten, während von der anderen Seite um diese Uhrzeit viele Palästinenser
standen und darauf warteten zur Arbeit nach Jerusalem gelassen zu werden.
Dann endlich 4.35 Uhr die Geburtskirche kommt in Sicht
bzw. zuerst der gewaltige Plastikchristbaum auf dem Vorplatz, der nur aus bunten
Lichtern zu bestehen scheint. Ein wenig erschöpft reinen meine Gehpartnerin Annika
und ich uns in die Schlange vor der Geburtsgrotte ein.
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| Annika und ich vor der Geburtskirche in Bethlehem, es ist 5.15 Uhr |
Die Namensrolle ist in den letzten Stunden von Hand zu
Hand gewandert. Auch ich habe für ein Stück unseres Weges die über 36.000 Namen
und Geschichten, die dahinter stehen, getragen. In der Geburtsgrotte in
Bethlehem bringen wir sie bewusst vor Gott, der für uns ganz Mensch wurde vor
2000 Jahren und immer wieder neu.
Wir beten das Morgenlob in einer der Nachbargrotten, denn
„ein Kind geborn in Bethlehem, halleluja, des freuet sich Jerusalem, halleluja,
halleluja.“ Um 5:30 Uhr verklingt das letzte Lied und schlagartig spüre ich die
Müdigkeit in jedem Knochen. Es dauert schier ewig bis das Taxi, dass uns
heimfährt, kommt. Ein wenig benommen tappe ich den Weg zum Beit Josef hoch, es
gelingt mir nur mit Mühe das Farbspiel der Morgenröte zu bewundern. Ich falle
ins Bett und schlafe sofort ein.
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| Das ist kein Fotoshop |
Ohne Frühstück, dafür war keine Zeit mehr, geht es um 11
Uhr wieder in die Kirche zum Hochamt. Als Belohnung lädt P. Nikodemus danach zu
einem Aperitif ein. Und die Küche übertrifft sich selbst mit einem fabelhaften
Festtagsmenü: Es gibt Ente (oder Gans) in zartsüßer Soße mit Maroni-Blaukraut
und Kartoffelplätzchen – zum Reinlegen.
Bei so viel Essen hilft als Ausgleich nur Bewegung. Unser
Weihnachtsspaziergang geht auf den Ölberg. Die Sonne strahlt, nur ein leichtes
Lüftchen geht und eröffnet einen tollen Blick auf Jerusalem.
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| Ein toller gemeinsamer Spaziergang |
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| Die Dormitiokirche auf dem Zion |
Um uns herum geht alles seinen gewohnten Gang, die
Reiseführer, die Souvenir-Händler in der Altstadt, der Muezzin und doch ist Weihnachten,
hier in Jerusalem. Es war ganz anders als zu Hause, auf seine Weise schön. Ich
kann gar nicht alle Gefühle und Eindrücke der letzten 30 Stunden fassen.
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