Dienstag, 12. November 2013

Ein besonderer Namenstag (mit Geschichtsteil)



Die Vorfreude auf den Tag begann schon vor Wochen, als ich beschloss für den heutigen Abend in Galiläa Tiramisu vorzubereiten. Mit dem Studienassistent wurden in aller Verschwiegenheit die Zutaten besprochen, denn Amaretto, Mascarpone und Löffelbiskuits bekommt man im Store in Tabgha nicht so einfach. Tabgha besteht nämlich im engeren Sinn nur aus einer Kirche, einem Kloster und der Begegnungsstätte mit einem kleinen Tante-Emma-Laden.

Gestern Abend habe ich dann zusammen mit Luzia die Nachspeise für heute vorbereitet.

In der Früh hieß es wie an jedem Exkursionstag um 6 Uhr aufstehen, dann frühstücken und um 7 Uhr ab in die Morgenmesse in der Brotvermehrungskirche. Der Bau stammt aus den 80er Jahren und ist im Grunde nicht auf die klimatischen Verhältnisse hier am See Genezareth ausgerichtet. Deshalb ist es selbst jetzt im November, selbst um diese Uhrzeit schon so warm in der Kirche, dass sich Schweiß auf der Stirn bildet. So warm war, glaube ich, noch kein Namenstag, den ich bisher erlebt habe. Und mir haben auch noch nie so viele Protestanten gratuliert.

Dann direkt von der Kirche in den Reisebus, Heute ging es mit Busfahrer Ludwi und Tamar Avraham, einer unserer Dozenten und selbst ehemalige Studienjährlerin, auf eine besondere Fahrt durch Nordgaliläa. Wir besuchten diesmal keine jahrhundertealten Steine sondern Orte, die für die Grenzstreitigkeiten zwischen Syrien und Israel stehen.

Der kleine Kreis ist Tabgha, der große zeigt die Golan-Höhen an, in denen wir am Montag unterwegs waren.


Biblisch spielt der Norden Galiläas nicht die Rolle, wie das Westjordanland. Mitte und Ende des 19. Jh. haben russische Juden hier Land gekauft und sich niedergelassen, aber nicht aus religiöser Motivation, sondern weil sie in Russland verfolgt wurden und hier ein ruhiges, friedliches Leben führen wollten. Einer der so besiedelten Orte war Metulla ganz im Norden des heutigen Staates Israels. Die Familien hatten aber ein Problem, sie kannten sich so gut wie gar nicht mit Landwirtschaft aus und waren kurz vor dem Verhungern, als Baron Rothschild sich ihrer annahm und entsprechend geschulte Verwalter schickte. Damit waren sie aber auch nicht mehr frei, sondern die Verwalter bestimmten das Vorgehen.
Das Land wurde meist von Großgrundbesitzern, die in Beirut und anderswo lebten, gekauft. Bis dahin wurde es von einheimischen Pächtern bewirtschaftet. Nach dem Verkauf wurden diese (rechtlich legal) von dem Land vertrieben. So kam es schon in dieser Zeit zu ersten Konflikten zwischen jüdischen Einwanderern und arabischen und drusischen Einheimischen.

Im Unabhängigkeitskrieg 1948 gewinnt Syrien an Land (Richtung See Genezareth). Die Friedensverhandlungen sind schwierig. Schließlich einigt man sich auf entmilitarisierte Zonen zwischen der Waffenstillstandslinie und den Völkerrechtsgrenzen von 1923 (zwischen britischem und französischem Mandat nach Auflösung des osmanischen Reiches). Israel ist daran interessiert die verlorenen Gebiete und auch das Hermonmassiv bzw. die Golan-Höhen zu erobern, v.a. weil zwei wichtige Jordanquellen dort entspringen und Syrien beginnt das Wasser umzuleiten.

1967 im 6-Tage-Krieg ergibt sich die Möglichkeit. Die syrischen Stellungen können schnell durchbrochen und große Landgewinne erzielt werden. Ein Großteil der syrischen Bevölkerung im Golan flieht oder wird vertrieben. Zurück bleiben 5 Dörfer, 4 davon geprägt von Drusen (eine religiöse Ethnie, die aus dem Islam entstanden ist), die sich als Minderheit immer an die jeweiligen Machthaber anpassen. Eines davon, Majdal Shams, direkt an der heutigen Grenze haben wir besucht. Die Bewohner leben heutzutage in der ständigen Spannung zwischen Anpassung ggü. Israel, aber auch Distanz zur Regierung, um im Falle einer syrischen Rückeroberung des Golans nicht als Kollaborateure betrachtet zu werden.

Im Yom-Kippur-Krieg 1973/74 versuchte Syrien die Gebiete zurückzuerobern, aber der Versuch misslingt. Bei den Friedensverhandlungen einigt man sich auf Landrückgaben Israels an Syrien, unter der Auflage, dass der Grenzstreifen entmilitarisiert wird. Dort zwischen beiden Staaten sitzt die UNO. Aufgrund kleinerer Zwischenfälle zu Beginn des Bürgerkriegs in Syrien hat Israel auch hier im Golan vor 2 Jahren begonnen einen „Sicherheitszaun“ zu bauen.

Blick von Madjal Shams auf den syrischen Grenzstreifen

Tamar, die weißen Gebäude rechts im Hintergrund gehören der UNO, der erahnbare See am Horizont ist schon ganz auf syrischer Seite.

Die Kriege zwischen den beiden Ländern sind heute noch in der Region präsent. Bei unseren Exkursionen begegnen uns immer wieder gelbe Schilder und Stacheldrahtzäune, die vor Landminen warnen. An einigen Stellen, z.B. auf dem Har Bental und dem Tel Fahr kann man Bunkeranlagen aus den Kriegstagen sehen und begehen. Wir haben dort sogar noch ein paar Patronenhülsen gefunden.
Eingang Bunkeranlage auf dem Har Bental
Minenwarnschilder


Vom Har Bental aus kann man über die entmilitarisierte Zone bis nach Syrien blicken. Neben den Bunkeranlagen ist hier auch das Coffee Anan, in dem es leckeren Schokokuchen gibt. 




Natürlich haben sich auch hier im Golan Siedler niedergelassen, um den Anspruch auf das Gebiet geltend zu machen. Und sie versuchen es auch hier mit einem Rekurs auf frühere jüdische Siedlungen im Golan, z.B. hat man in Qazrin eine Synagoge aus dem 5. Jh. gefunden und vermarktet das jetzt.

Überreste der Synagoge von Qazrin




Nach unserer Rückkehr gab es heute Kässpatzen zum Abendessen. Und anschließend wurde mein Namenspatron (und ich) mit einem kleinen Schauspiel bedacht. Es war ein etwas anderes Martinsspiel mit ein paar Insidern zu unseren gemeinsamen Erlebnissen, und war richtig super, auch wenn sie bestimmt nicht viel Zeit zum vorbereiten hatten. Danach gabs für alle Schauspieler und Zuschauer Tiramisu. Wir haben 1 kg Mascarpone verarbeitet und innerhalb von 10 Minuten war alles weg.

Um den Tag abzuschließen ging ich mit ein paar anderen zur Komplet in das Oratorium des Klosters. Aber siehe da, es brannte Licht, aber kein Mönch in Sicht, obwohl es schon 20 Uhr und damit Zeit war. Unschlüssig standen wir vor der Tür. Von einem Volontär erfuhren wir dann, dass die Komplet montags meistens ausfällt. Kurzerhand beschlossen wir sie einfach zu viert zu beten. Und trotz mancher kleiner Disharmonien war es eine schöne Erfahrung. Überhaupt habe ich inzwischen einen ganz anderen Blick auf das Stundengebet und damit auch auf die Psalmen gewonnen. Heute war Ps 34 dran, wer will, liest einfach mal rein. Ich finde ihn schön.




Danach saß ich noch eine Weile am See und lauschte den Wellen. Alles ist so friedlich. Hier merkt man nichts von den Konflikten zwischen Syrien und Israel.

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